K l a u s   F a r i n 
D I E   J U G E N D ,   D I E   D R O G E N   U N D   D E R   S T A A T . 
“Pah!” rief die kleine Hexe. “Verboten ist vieles.
Aber wenn man sich nicht erwischen läßt...” 
I I .
Kiffen ist Kult, aber nicht mehrheitsfähig. Ein Viertel der Jugendlichen kifft selbst, ein weiteres Viertel findet Kiffer zumindest sympathisch, ebenso viele lehnen (illegale) Drogen strikt ab und wollen auch mit deren KonsumentInnen nichts zu tun haben. Der Rest ist unentschieden, interessiert sich nicht dafür, mit welchen Stoffen sich die Mitmenschen so berauschen, oder streitet und diskutiert öfter über die Frage “Kiffen: ja oder nein?”, und zwar fast ausschließlich mit Gleichaltrigen. Wie soll man sich auch mit Erwachsenen über Drogen unterhalten, wenn die häufig nicht einmal wissen, was man selbst schon weiß, und nicht wissen dürfen, welche Erfahrungen man schon damit gesammelt hat. Wer rennt schon zu seinen Eltern, um freudestrahlend über “das erste Mal” zu berichten? Kiffen ist etwas, was man vor den Erziehungsberechtigten und anderen Erwachsenen in eigenem Interesse besser versteckt, und gerade das macht Kiffen zu etwas Besonderem, zu einem subversiven Kult – für die Fans ebenso wie für die Gegner. So ist Kiffen heute ein Dauerbrenner der jugendeigenen Streitkultur. Auf beinahe jedem zumindest gymnasialen Schulhof in Deutschland treffen alltäglich Kiffer und Straight Edger aufeinander, begegnen Jugendliche, die eine bestimmte Clique oder Szene verlassen haben, weil ihnen der Drogenkonsum dort zu krass war, MitschülerInnen, die sich gerade wegen Drogenkonsums einer Clique oder Szene anschließen wollen. Am Thema Drogen üben Jugendliche tagtäglich ganz praktisch Demokratie: Meinung bilden, vertreten, argumentieren, andere Meinungen aushalten, Toleranz (mehr oder weniger) gegenüber Andersdenkenden entwickeln. Gerade weil Kiffen so populär und stark verbreitet ist, hat sich eine jugendeigene Streit- und Gegenkultur gebildet.
Auffällig dabei: Die jugendeigenen Debatten werden selten ideologisch geführt. Den Kiffern von heute, in ihrer großen Mehrheit zumindest, geht es nicht um “Gesellschaftsveränderung”, nicht einmal eine individuelle “Bewußtseinserweiterung” erwarten sie sich durch den Konsum illegaler Substanzen. Zum einen hat sich längst herumgesprochen, daß dies ein Mythos ist. Cannabis verstärkt schlicht die bereits vorhandenen Gefühle, entfaltet dabei vorzugsweise eine entspannende, stimmungsaufhellende Wirkung, kann aber auch vorhandene Depressionen verstärken. Außerdem macht es hungrig. Das war’s. “Bewußtseinserweiterung” ist in der Chemie der Pflanze schlicht nicht angelegt, auch die halluzinogene Wirkung minimal. Wer trotzdem bunte Bilder sieht oder die Welt plötzlich besser durchschaut, könnte wahrscheinlich mit Fasten oder Placebos die gleiche Wirkung erzielen. 
Gras nicht nur als Spielfläche - Fußballfans bei der Hanfparade 2000
© Doris Hofer
“Ich brauche immer einen Kick. Jeder Jugendliche hat das. Das gehört zum Leben dazu. Ein Kick ist gefährlich, etwas Heimliches oder Verbotenes. Das Herz muß einem in die Hose rutschen, man fängt an zu zittern oder kriegt Schweißausbrüche oder das Herz fängt an total zu klopfen, der Puls ist auf 500. Lebensgefährlich muß es sein. Ich muß wissen, daß da irgendwas passieren kann. Aber trotzdem muß ich auch wissen, daß das sicher ist, daß da nix so schlimm ist, daß es tödlich enden kann oder daß das meinen Rest des Lebens verändert. Wenn Jugendliche keinen Kick haben, kosten sie ihr Leben gar nicht aus. Was sollen sie denn später erzählen?” (Julia, 15 Jahre) Der Kick: Spannung, Abenteuer, Aufregung und Unterhaltung, zu spüren, daß man noch lebt, nicht nur Geist, sondern auch Körper ist, das brennende Verlangen, einmal alle Grenzen zu überschreiten, sich in einer Welt voller Regeln und Verantwortung und Vernunft unverantwortlich jung zu verhalten... – Gefühlszustände, zu deren Intensivierung man auch Drogen einsetzen kann. Ein Großteil der Jugendlichen, auf ihrer Suche nach Identität und einem Platz in der Gesellschaft ohnehin offener und sensibler für extremere und entgrenzende Erfahrungen, tut dies auch, experimentiert mit Alkohol und Nikotin, Haschisch und Marihuana, Pilzen und Engelstrompeten, Speed und Ecstasy und vielem mehr. Für die meisten bleibt die Drogenerfahrung ein Genuß ohne Reue. 90 Prozent lassen es ohnehin bald wieder bleiben. Drogen sind nicht ihr Ding. Doch auch diejenigen, die länger bei einer oder auch mehreren Drogen bleiben, leben nicht zwangsläufig gefährlicher. “Dem Gros der Konsumenten scheinen die Risiken und Nebenwirkungen inzwischen bekannt: Sie vergnügen sich mit dem weitgehend unschädlichen Cannabis, nehmen Kokain und Ecstasy nur gelegentlich auf einer Party und meiden die süchtig machenden Opiate. Die verwahrlosten Elendsgestalten, deren Anblick die Bürger in den Innenstädten erschreckt und die immer wieder von der Polizei aufgescheucht werden, stellen in Wirklichkeit nur eine Minderheit der Drogenkonsumenten dar. Viele von ihnen waren schon auf der Verliererseite, bevor sie auch noch Opfer der Drogen wurden. Der Rest der Gesellschaft aber lebt gut mit der Lebenslüge, daß Drogen das Problem von gestrauchelten Menschen seien. Drogenpolitische Debatten lassen sich so bequem als Schlagabtausch zwischen kraftmeierischen Prohibitionsparolen und den nicht weniger abgedroschenen Floskeln wie ‘Hilfe statt Strafe’ fortführen. Daß die angepaßte und wohlhabende Mehrheit der Konsumenten keine Hilfe will, weil sie sich mit Drogen prächtig amüsiert – das wird von beiden Seiten schamhaft verschwiegen.”
Natürlich kann Cannabis wie alle anderen Genußmittel – Alkohol, Arbeit, Schokolade, Sex, Handy, Computerspiele etc. – im Übermaß genossen zur Droge werden, inklusive unerwünschter Nebenwirkungen. Wer schon morgens den ersten Joint braucht, um richtig wach zu werden, wenig später den nächsten, um die Realität weder abzudimmen, wer seine Stammkneipen und Urlaubsziele danach auswählt, ob man dort kiffen darf, und sich an keine Handvoll rau(s)chfreier Tage mehr erinnern kann, der hat ein Problem. Vielleicht nicht körperlich, mit Sicherheit aber psychisch. Wer extrem kifft, wird auf Dauer schlapp, lethargisch, reduziert nach und nach alle anderen Interessen, hat zunehmend Schwierigkeiten, sich länger zu konzentrieren. Das Lesen von Büchern etwa wird schwieriger: Wie soll man eine Romanhandlung verfolgen, wenn man auf Seite 20 schon nicht mehr weiß, was auf den ersten Seiten geschah. Ein Extremkiffer ist im Allgemeinen für weniger kiffende Zeitgenossen ein nur schwer erträglicher Mensch. “Wer Drogen für sich in den Alltag überführt, wird auf die Fresse fallen”, warnt auch Hans-Georg Behr. Rauschmittel können eben nur für relativ kurze Ausflüge aus der Gesellschaft dienen. Die meisten – auch jugendlichen – KonsumentInnen kommen damit klar. Für sie ist Cannabis ein Genußmittel, mit dessen Hilfe sie sich für kurze Zeit aus der Realwelt ausblenden können. “Das ist wie Urlaub, wie zwei Stunden Urlaub in der Woche.” Allerdings für viele ein Abenteuerurlaub der besonderen Art. Mit existentiellen Risiken, die nicht im Gebrauch der Droge selbst liegen. 
9 Otfried Preussler: Die kleine Hexe. Thienemann, Stuttgart 1957, S. 7.
10 Aus: Anja Tuckermann/Nikolaus Becker: Horror oder Heimat? Jugendliche in Berlin-Hellersdorf. Tilsner, Bad Tölz 1999, S. 9f.
11 Irene Stratenwerth: “Drogen – das große Tabu”, in: Die Woche vom 8. März 2002.
12Märkische Allgemeine Zeitung vom 12. Mai 2002.