K l a u s   F a r i n 
D I E   J U G E N D ,   D I E   D R O G E N   U N D   D E R   S T A A T . 
Welche kulinarischen Genüsse schätzen Sie besonders?
Kiffen und Obst.
Fatih Akin, Jahrgang 1973, Filmregisseur
I .
Kiffen ist normal. Millionen tun es bereits. Und es werden immer mehr. Politiker, Journalisten, Künstler, Lehrer, Sportler, Manager, Polizisten, Ärzte, Richter und Staatsanwälte. Sogar Otto Schily ließ sich – in früheren Tagen – schon einmal vom bekennenden Kettenraucher Hans-Georg Behr einen Joint spendieren. Und als Joschka Fischer 1983 erstmals in die „Alkoholikerversammlung“ des Deutschen Bundestages eintrat, verspürte auch er ein heftiges Bedürfnis nach einem Joint. 18 Jahre später schmuggelten grüne ParteikollegInnen Hanfsamen in den Reichstag. Oskar Lafontaines 18jähriger Sohn wurde gemeinsam mit zwei Freunden an der deutsch-niederländischen Grenze beim Import von 345 Gramm illegaler Rauchwaren erwischt, bayerische Drogenfahnder beschlagnahmten 136,9 Gramm Haschisch beim Filius des Medienmoguls Leo Kirch. Kiffen ist längst nicht mehr (nur) Subkultur, sondern Alltagskultur für Menschen aller sozialer Schichten und Altersgruppen. Die Freude am Konsum des relaxenden Krauts vereint den 14jährigen Skateboarder aus Greifswald mit dem Leitenden Regierungsdirektor aus Bonn.
Nach Schätzung der Bundesregierung greifen mehr als zwei Millionen Deutsche regelmäßig zum Joint. Vermutlich liegt die Zahl in der Realität wesentlich höher. Der Spiegel berichtete bereits 1994 von „etwa 3,5 Millionen deutschen Konsumenten“, Focus zog mit einer Titelstory über das „Drogen-Nest Schule“ nach und trumpfte gleich im Vorspann mit der Behauptung auf: „Jeder fünfte Achtklässler kifft.“ Offenbar war niemandem in der Redaktion aufgefallen, daß im Text selbst nur von 11,5 Prozent die Rede war; dafür durfte ein anonymer 15jähriger Leidensgenosse berichten: „In der achten Klasse auf dem Gymnasium hat die Hälfte gekifft. Nach oben hin wurde das immer mehr.“
Aktuelle Untersuchungen gehen davon aus, daß etwa jede/r vierte Zwölf- bis 25jährige schon eigene Erfahrungen mit Cannabis gemacht hat, Jungs häufiger als Mädchen, etwas mehr im Westen als im Osten Deutschlands, deutlich mehr in Großstädten als auf dem  Land.
Cannabis ist keine „Jugenddroge“, und doch waren es die jungen Wilden der 60er und frühen 70er Jahre, die den Einzug der Hanfpflanze – und der meisten anderen illegalen Drogen der Gegenwart – begründeten. Wie häufig bei radikaleren gesellschaftlichen Umbrüchen ebneten KünstlerInnen den Weg zur Revolte, vor allem MusikerInnen. Jugendbewegungen sind fast immer (auch) Musikkulturen. Mode und Musik schaffen die Identität von Szenen, Musik bringt ihre Angehörigen zusammen, keine Party ohne Musik. Musik ist selbst eine „Droge“, und Drogen sind seit je her ein zentraler Bestandteil der Produktion, der Texte und auch der Imagebildung von Musik und MusikerInnen. Es waren Jazzmusiker, die in den 20er Jahren Kokain popularisierten und während der Alkoholprohibition Marihuana entdeckten. Louis Armstrong kiffte nach eigenen Aussagen täglich und schrieb in den frühen Fünfzigern sogar US-Präsident Eisenhower einen Brief, in dem er eine Legalisierung von Cannabis forderte. In den 60er Jahren schließlich wurden Drogen und Sexualität zentrale Symbole des Befreiungskampfes von den Ketten der Alten. Bob Dylan überreichte den Beatles bei ihrer ersten Begegnung als Gastgeschenk eine üppige Portion Gras, Grateful Dead verteilten bei Konzerten gratis LSD an ihre Fans; Acid-Rocker wie Iron Butterfly, Vanilla Fudge oder Jefferson Airplane versuchten, ihre Rauscherlebnisse direkt in Klangbilder umzuwandeln, Jim Morrison ließ sich filmen, wie er auf LSD mit Grashüpfern redete, und Velvet Underground enttabuisierten schließlich musikalisch sogar den Gebrauch von Heroin. Nicht zufällig standen diese Bands allesamt für Aufruhr, Freiheit, Anti-Spießbürgertum weit über die Pubertät hinaus. „Wir sind Außenseiter. Wir stehlen, betrügen, lügen, fälschen und handeln mit Drogen, um zu überleben. Wir sind obszön, ungerecht, scheußlich, gefährlich, dreckig, gewalttätig und jung. Wir sind die Vollstrecker von Chaos und Anarchie. Alles, was man über uns sagt, sind wir wirklich.“ (Jefferson Airplane: „We can be together“, 1969) Bands wie Jefferson Airplane oder Grateful Dead hatten nicht nur rebellische Texte und ein entsprechendes Image, sondern sie verstanden sich auch in der Realität als Teil der revoltierenden Jugendbewegung, begründeten alternative Projekte wie Kommunen und Produktionskollektive, verweigerten sich häufig den kommerziellen Umarmungsversuchen der Musikindustrie und warben bei ihren Auftritten für politische Demonstrationen und Bewegungen. Die Zeiten waren hochpolitisiert, und gleichzeitig nahm man allerhand berauschende Mittel zur eigenen „Bewußtseinserweiterung“ oder zum Chillen zwischendurch. Die Politik und große Teile der Elterngeneration generell bekämpften die Politisierung und die Drogenvorlieben der Jungen mit der gleichen überschäumenden Wut. So wurde beides vermischt und aus einem schlichten Joint oder LSD-Trip ein hochgradig ideologisch aufgeladenes Politikum. Wer kiffte, gehörte zum gesellschaftskritischen Untergrund, konnte einfach kein Spießer sein...
Christian Ströbele, Klaus Farin, Hanfparade 1997
© Peter Stutz
The times they are a changin’... – der Hippie-Bewegung erging es da nicht anders als jeder Jugendkultur davor und danach auch: Sie überschritt ihren kreativen Zenit, zerrieb sich an den eigenen Widersprüchen und den Auseinandersetzungen mit der Mehrheitsgesellschaft und schrumpfte auf einen kleinen Kern zusammen. Die anderen bekamen ihren Drogenkonsum nicht mehr unter Kontrolle und verelendeten oder dropten ins Nirvana religiös-esoterischer Kulte ab, die Politischeren gründeten oder landeten bei kommunistischen Sekten, die meisten desertierten wieder ins bequemere gesellschaftliche Mittelfeld. Aus Kommunarden und Haschrebellen wurden Sozialdemokraten und brave Familienväter und -mütter in Vier-Personen-Haushalten, die allenfalls noch manchmal aus Nostalgie und ein wenig schamhaft im Wohnzimmer einen „durchzogen“, wenn der eigene Nachwuchs im Bett lag oder außer Haus weilte. 
Zum Schock der erwachsen gewordenen „Hippiekinder“ hatte der zur Hymne vertonte Aufschrei „Ich möchte nie so werden wie mein Alter“ seine Gültigkeit nicht verloren. Nur, daß sie jetzt die Alten waren. Neue Jugendkulturen tauchten auf, und mit ihnen neue Musiken, neue Moden und neue Drogen. In den 80er Jahren war Kiffen bei den Jungen bis auf kleine subkulturelle Minderheiten ziemlich out. Cannabis hatte das Image einer uncoolen „Loserdroge“ bekommen, stand für jene langhaarigen Schlurfis, die sich irgendwie aus den Sechzigern hinübergerettet hatten, ohne jemals wirklich in der Realität der Jetzt-Zeit anzukommen, und die, wenn sie sich doch einmal in die neonbeleuchteten Clubs der kühlen Achtziger verirrten, so deplaziert wie Dinosaurier im Atomzeitalter wirkten.
Daß Cannabis heute wieder zum illegalen Rauschmittel Nummer eins unter Jugendlichen avancierte, überraschte selbst professionelle Szene-Beobachter. Noch 1996 stellte die Berliner Drogenbeauftragte Elfriede Koller fest: Die Jugendlichen wenden sich zunehmend vom Haschisch ab – und Ecstasy zu. Doch dann geschah scheinbar Unerwartetes: Die jungen, hippen Szenen entdeckten Cannabis. Zunächst begannen HipHop-Stars wie Cypress Hill („ I wanna get high“, „Hits from the bong“) oder Dr. Dre („The Chronic“) das Kraut als Alternative zu härteren Drogen zu vermarkten, ab Mitte der Neunziger zogen auch die Technoiden nach. Ecstasy zum Durchstarten, Haschisch und Marihuana für das Chillout danach. Der Siegeszug von (Dancehall-)Reggae und Dub in den Clubs und Discotheken tat sein Übriges, und als dann auch noch ein allgemeines 70er-Jahre-Revival die Jugendkulturen überrollte, war klar: Kiffen wurde wieder cool – und schließlich zum Kult.
1Die Woche vom 11. August 2000.
2 Märkische Allgemeine Zeitung vom 12. Mai 2002.
3 Die Woche vom 17. November 2002.
4 Stern vom 23. Mai 2002.
5 “Der Geruch des Bösen”, in: Der Spiegel vom 2. Mai 1994.
6 Focus vom 11. September 1995.
7 Hai & Rippchen: Hanf Handbuch. Der Grüne Zweig 173. Werner Pieper’s MedienXperimente, Löhrbach 1998, S. 226.
8 die tageszeitung vom 21. November 1996.